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Donnerstag, 17. Mai 2012

Geschichte des Frühlingsfestes

aus der Chronik von Otterberg Bd. 2 von Gerhard Kaller 1981

 

Das Frühlingsfest

 Noch heute gibt es ein typisches Otterberger Fest: Das Frühlingsfest. Wenn es auch im Juni gefeiert wird und vielleicht besser Sommerfest hieße, das Frühlingsfest gehört zum Otterberger Festkalender. Kirchweihen haben alle Ortschaften, das Frühlingsfest aber gibt es nur hier, es ist für diese Stadt typisch geworden. Über die Herkunft ist daher auch schon viel gerätselt worden. Im Jahr 1939 wollte man es auf den germanischen Lichtkult zurückführen, eine völlig unbewiesene Behauptung, der zudem der späte Termin widerspricht. Auch die Herkunft von den Wallonen ist gänzlich unbewiesen. Es gibt außerdem in den älteren Programmen keinerlei Darbietungen, die diesen Schluss zuließen, keine als wallonisch anzusprechenden Tänze, Trachten, o.ä. . Die Einigung zwischen der kurpfälzischen Verwaltung und den Waldmärkern aus dem Jahr 1567 kann auch nicht der Ursprung sein, selbst wenn darin von „Ergötzlichkeiten“ gesprochen wird. Das Frühlingsfest ist mit keinem Gemarkungsumgang verbunden, es unterscheidet sich gerade dadurch von dem Waldfest, das etwa im nahen Baalborn alle 5 Jahre nach einem Umgang gefeiert wird und das sich mit Recht auf die Urkunde vom 22.Februar 1567 beruft. Es stammt schließlich auch nicht einfach aus der Französischen Revolution und hat nichts mit Freimaurerei zu tun. Vielmehr geht es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf die Schule von Georg Jakob Roller zurück. Roller sah Schulfeste, insbesondere solche in der freien Natur, als ein hervorragendes pädagogisches Mittel an. Otterberger Lehrer waren es, die es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts pflegten und nach Pausen wiederbelebten. Es wird in dieser Zeit immer Schulfest genannt (und kaum Frühlingsfest) und wenn es noch eines aktenmäßiges Beweises bräuchte, so liefert ihn das Protokoll der Ortsschulkommission vom 2. Juni 1885. Es lautet: „Die Ortsschulkommission nimmt Kenntnis von dem Stadtratsbeschluss vom 23. Mai d. J. und stimmt dafür, dass das herkömmliche Schulfest am 17. l. M. abgehalten werden soll. Zugleich wird bemerkt, das in Zukunft wegen der Abhaltung des rubrizierten Festes die Beschlussfassung der Ortsschulkommission der des Stadtrates vorauszugehen hat“. In der Randnotiz des Bürgermeisteramtes wird das Fest dann übrigens als Frühlingsfest bezeichnet. Was für einen Anspruch aber könnte die Ortsschulkommission geltend machen, wenn es ein Wallonenfest wäre? Das Fest wurde übrigens stets von Protestanten und Katholiken gefeiert. Bei den Auseinandersetzungen darüber, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, ging es immer um Auswüchse und Gewohnheiten bei der Durchführung. Hätte es auch nur einen Anhaltspunkt für ein Wallonenfest und damit ein Protestantenfest gegeben, wäre er bei der Diskussion des Jahres 1869 vorgebracht worden.

Dass das Frühlingsfest nicht mit dem Weggang Rollers ein Ende fand, ist das Verdienst der Otterberger Lehrer dieser Tage. Sie kamen aus dem Seminar in Kaiserslautern und waren dort im Geiste der Pädagogik erzogen worden, die auch Roller vertrat. Wir verfügen hier über eine gute Quelle, die der Zeit um fast 100 Jahre näher ist als wir, die Eingabe eines Otterberger Bürgers aus dem März 1889. „Wie bekannt, sind nun bereits 50 bis 60 Jahre verflossen, seitdem Herr Lehrer Berger das Frühlingsfest mit seinen damaligen Kollegen Herrn Dahl und Kempter, so wie es seither besteht, neu eingeführt hat. … Zwar hat das Frühlingsfest, wie es zu Lebzeiten des Herrn Berger gefeiert wurde, etwas an Frohsinn sowie auch an Reiz und Begeisterung gelitten, aber man hofft, dass es wieder aufleben wird, wenn durch gemeinsames Zusammenwirken danach angestrebt wird. Dennoch behauptet es noch sein altes Recht als ein lustiges Kinder- und Volksfest. … Ferner muss noch in Betracht gezogen werden, dass Herr Berger seinen Wirkungskreis nicht bloß auf die Schule beschränkte, sondern auch seine Aufmerksamkeit auf die Landwirtschaft richtete. … Ferner ließ Herr Berger auch eine Sonnenuhr an der hinteren Seite der protestantischen Kirche anbringen, welche aber durch den Einfluss der Witterung in Verfall geraten ist. Also sind Gründe gegeben, die ihm die Dankbarkeit und Ehre erweisen sollen“. Auch später waren es wieder die Lehrer, die das Fest nach Pausen wieder neu aufleben ließen. Hören wir noch einmal unseren Gewährsmann: „Weiter muss ich bemerken, dass in den nachbezeichneten Jahren Frühlingsfeste abgehalten wurden, nämlich in den Jahren 1825, 1827, 1828. Von da an trat eine Pause ein und zwar von zehn Jahren, dann folgen die Frühlingsfeste von vor 50 Jahren, nämlich die Jahre 1838, 1839, 1840, 1841. Diese 4 letzteren Jahre waren die schönsten von allen, es war die sogenannte Glanzperiode der Frühlingsfeste. Aber im Jahr 1842 am 13. Februar starb Herr Berger, ohne noch das folgende Frühlingsfest erlebt zu haben. Nachher fanden noch 2 statt, nämlich im Jahr 1844 und 1845. Im letzteren Jahre wurde das protestantische Schulhaus durch Pfarrer Blaul eingeweiht. Von da an traten wieder 16 Jahre Pause ein bis 1861 durch Bürgermeister und Lehrer Keiper, dann folgten die Jahre 1862, 1863, 1864, 1865, 1867, 1868, 1869 und 1870, das letzte von Lehrer Keiper, dann folgten noch 1874 und 1875, dies das letzte von Lehrer Dahl, welcher 1877 starb. Nachher trat eine 8jährige Pause ein bis zum Jahr 1883, dann 1884, 1885, 1887, von nun an alle zwei Jahre und zwar in diesem Jahr“ … .

 

Die scharfe Kritik, die Pfarrer Koeller aus Otterbach, der 1869 auch die Pfarrei Otterberg versah, an dem Fest übte, entzündete sich an einer Einzelheit, dem Läuten der Glocken auf dem katholischen Teil der Kirche bei Beginn des Festzuges in den Wald. Hören wir auch ihn. … „Doch ich will in Kürze zeigen, was es für eine Bewandtniß hat mit jenem 'Kinderfest' in Otterberg, welches die Ursache und Veranlassung aller Beschwerden gegen mich und meine Wirksamkeit in Otterberg in sich begreift. Dieses 'Kinderfest' stammt aus der Französischen Revolution, schlief dann wieder ein, bis vor etwa 6-7 Jahren der Bürgermeister Galé von Otterberg dasselbe wieder einführte. Dieser Galé eben, ein offener Freimaurer, machte auch 1848 und 49 stark in Freiheit und musste nach Amerika fliehen. Für diesen Tag bringen die armen Otterberger große Opfer, schon viele Tage vorher wird gekocht, gebraten, etc., jede Familie errichtet im Walde einen Tisch und der eine will an Aufwand den anderen überbieten. Kommt endlich der ersehnte Augenblick, dann überlässt man die Bewachung der Stadt Nachtwächtern. Klein und Groß, Jung und Alt wandert in Prozession zum Walde unter Musik, Böllerschüssen und dem feierlichen Geläute aller Glocken. Dann im Walde wird Bacchus und Venus gefeiert. Alles, selbst die kleinen Kinder, muß betrunken sein und taumelnd heimkehren. Im vorigen Jahr endigte dieses unschuldige, liebliche 'Kinderfest' mit Schlägerei, von dem diesjährigen sieht man noch die Spuren im Gesichte jenes Galé , der sich fast die Augen ausfiel und so betrunken war, dass er musste nach Hause getragen werden. Herr Pfarrer Münch, das musste man zu seiner Ehre sagen, pflegte an diesem Tage in den letzten Jahren stets zu verreisen; ich fand mich bewogen gegen diesen Unfug auf der Kanzel zu eifern und den Gebrauch der Gott geweihten katholischen Kirchenglocken zu verbieten bei diesen Bacchanalien. Damit begann dann ein Sturm, wie ich ähnliches noch nie erlebt habe, kein Mittel, keine Bitte, keine Drohung, kein Weg, wurde unversucht gelassen, um das Läuten zu erwirken …“.

 

Von 1893 bis 1913 fand das Frühlingsfest tatsächlich alle 2 Jahre statt. Ab 1895 sind Programmevorhanden, die den Ablauf angeben, der einem festen Schema folgt: Böllerschießen, (um 12:30 Uhr), Festzug in den Wald in genau festgelegter Ordnung, Eröffnung, Vorführungen der Schulen mit anschließender Brezelverteilung, Beiträge der Otterberger Vereine. In den Programmpausen Spiele wie Kletterbaum und Sackhüpfen, gegen Abend Tanzmusik. Der Rückmarsch erfolgt wieder zur festgesetzten Stunde (meist 19:00 Uhr) in der gleichen Ordnung wie der Abmarsch. Das Fest endet mit einem Hoch auf den König bzw. Prinzregenten vor dem Rathaus. Krieg und Nachkriegszeit brachten eine längere Pause. Erst 1927 fand wieder ein Frühlingsfest statt, das nächste dann 1929. Im Januar 1933 ergriff der Verkehrsverein die Initiative und bot sich an, anstelle der Stadt, die Finanzierung zu übernehmen. Vorbedingung dafür war allerdings die Verlegung auf den Sonntag. Das Bürgermeisteramt war einverstanden, betonte aber, dass der Charakter als Schulfest gewahrt bleiben müsse. Die Verlegung brachte in der Tat Vorteile. Es wurde möglich, am Vorabend einen Heimatabend zu veranstalten und den Erwachsenen die Teilnahme zu erleichtern. Man hatte 1927 nicht immer erfolgreich versucht, für die Otterberger Arbeiter den Festtag freizubitten. In den nächsten Jahren folgten die Feste dichtauf, 1934, 1935, 1937, 1939. Das erste Fest nach dem Krieg fand mit großem Erfolg 1952 statt. Die Verlegung auf das Wochenende und die Ausweitung auf den Samstagabend und Sonntagvormittag ließen den von der Schuljugend gestalteten Teil zurücktreten. Die verbesserten Verkehrsverbindungen machten es auswärtigen Besuchern leicht zu kommen. Seit 1929 verkehrten Sonderbusse, in manchen Jahren auch Sonderzüge; 1952 brachte ein Sonderzug etwa 1000 Gäste aus dem Moselgebiet nach Otterberg.

 

Das Frühlingsfest hat immer auch die Heimatdichter angeregt. Es gibt eine ganze Reihe von Gedichten und Vorsprüchen, ja sogar ein Theaterstück in Mundart. Der schon erwähnte Heimatdichter Theodor Seitz hat den Festen von 1895, 1907, und 1909 Mundartgedichte gewidmet, die vorgetragen wurden. Zum Fest 1911 erschien ein weiteres, nachgelassenes Gedicht von Theodor Seitz in der Schriftsprache. Das Fest von 1913 feierte Jos. Hennes gleich mit zwei Gedichten. Es stimmt schon, was 71jähriger Theodor Seitz 1909 sage: „Do kommt d'r je ke Kerwe uff, des is gar ke Vergleich!“.